Wie wir die Zeit mit uns selbst nutzen - 5 LEISEfragen an Wieland Stolzenburg

Wie wir die Zeit mit uns selbst nutzen - 5 LEISEfragen an Wieland Stolzenburg

Wir haben die Chance, dass wir uns mit uns, unserer Lebensgeschichte und den Verletzungen auseinandersetzen, sie heilen und damit zufriedener, freier und glücklicher werden.

Wieland Stolzenburg

Die Beziehung zu sich selbst

Lieber Wieland, wie schön, dass du an unserem Format 5 LEISEfragen teilnimmst. Du hilfst Menschen als Beziehungspsychologe dabei, glückliche Beziehungen zu führen. Mehr denn je wird eine ganz bestimmte Beziehung auf die Probe gestellt: Die Beziehung zu sich selbst. Wir sind dazu angehalten soziale Kontakte einzuschränken und viel Zeit mit uns zu verbringen.
Was macht das mit uns Menschen?

Eine solche Situation kann uns an unsere Grenzen bringen, weil das Leben, die Strukturen, Sicherheiten und Routinen vollständig durcheinander gewirbelt werden. Wenn wir plötzlich mit uns selbst konfrontiert werden, überfordert das erstmals die meisten Menschen. Insbesondere, wenn wir in den letzten Jahren durchs Leben gerast sind und nie wirklich inne gehalten und uns persönlich weiter entwickelt haben. Dann ist die Ruhe und Stille häufig etwas „bedrohliches”, dann haben wir verlernt, uns selbst der beste Freund zu sein und sind auf externe Stimuli angewiesen. Wenn wir dann das erste Mal wirklich zur Ruhe kommen, zeigen sich oft unangenehme Gefühle, beispielsweise Trauer, Einsamkeit oder einfache eine große Leere. 

Solange wir durchs Leben rasen und unseren Gefühlen keinen Raum geben, verschwinden diese nicht einfach. Vielmehr speichern wir sie einfach nur in unserem Körper ab – und sie zeigen sich dann in einer passenden Gelegenheit. Wenn wir diese dann spüren – und es fühlt sich natürlich nicht gut an – dann versuchen wir uns doch lieber weiter abzulenken. Doch genau das sollten wir nicht tun! Wir wachsen vor allem, wenn wir unsere Gefühle fühlen und ihnen den Raum und die Zeit geben, die sie brauchen und nicht, die unser Verstand für angemessen hält. Das kann schwer und herausfordernd sein, doch es ist der Weg, sich selbst wieder kennenzulernen und zu spüren. 

Eine solche Situation ist also eine wunderbare Möglichkeit mit sich in Kontakt zu kommen und raus aus dem Hamsterrad des Tuns und Ablenkens zu gelangen.

Zeit für neues

Das Rauschen unserer hektischen Welt verstummt und die Ablenkung, die wir zu gerne haben, ist plötzlich weg. Viele von uns sitzen aktuell zu Hause und finden keine Ausreden mehr, das geschriebene Buch oder das gemalte Bild, welche seit Jahren im Kopf geistern, umzusetzen. 
Worauf kommt es deiner Meinung nach aktuell an und wie können wir die Situation so annehmen, wie sie ist und das beste daraus machen?

In meinen Augen ist es am hilfreichsten, wenn wir uns jeden Tag ganz bewusst ein Zeitfenster nehmen um durchzuschnaufen. Denn die Gefahr besteht, dass wir die Ablenkungen 1:1 zuhause mit Netflix, Nachrichten oder Instagram fortsetzen. Wenn wir entdecken wollen, was gerade wichtig für ist, sollten wir immer wieder zur Ruhe kommen. Denn unser Verstand braucht erst einmal diese Pausen, um zu erkennen, was wir wirklich möchten.

Zudem hilft es für das Wohlbefinden, sich zu verdeutlich, worauf wir Einfluss haben. In einer von außen kontrollierten Situation wie der aktuellen entsteht oft der Eindruck, wir sind komplett ohnmächtig und können nichts mehr beeinflussen. Das stimmt für manche Bereiche, doch für andere auch nicht. Beispielsweise können wir kontrollieren, wie viel Nachrichten wir schauen, wie gesund wir essen und ob wir uns ausreichen ernähren. Oder mit wem wir telefonieren, wie sauber die Wohnung ist und ob wir alle 5 Minuten aufs Handy schauen. Zu erleben, dass wir Einfluss und Kontrolle haben, kann uns sehr entlasten.

Zweifel kommen auf

Zeit zur Reflexion birgt auch immer die Gefahr, die Erkenntnis zu erlangen, dass man möglicherweise bislang einem Ideal aus Arbeit und sozialem Status nachgelaufen ist, welche nie den eigenen Wünschen entsprachen. Wie können wir damit umgehen, wenn plötzlich Zweifel am eigenen Werdegang oder sogar dem Partner aufkommen?

Im besten Fall sollten wir uns über diesen Zweifel freuen und dankbar sein, dass wir diese Erkenntnis früher als später haben. Bei großen Entscheidungen gilt jedoch immer: Keine Spontanentscheidung oder ein Entschluss aus einer Emotion heraus. 

Wenn wir erkennen, dass wir nicht unser Leben gelebt haben, ist das zunächst schmerzhaft. Doch das ist nur eine Seite. Wenn wir die andere Seite betrachten, könnte uns nichts besseres passieren – insbesondere aus der langfristigen Perspektive gesehen. Wir haben nun die Möglichkeit Stück für Stück unsere Leben danach auszurichten, was sich stimmig anfühlt und wohin unsere Intuition uns schon lange leiten wollte – wir sie jedoch im Alltagslärm nicht hören konnten oder wollten.

Mit dir im Reinen

Du schreibst in einem deiner Social Media Posts: „Man kann so gut mit einer Situation umgehen, wie man mit sich in Reinen ist!“ Magst du uns erklären, was du damit meinst und wie sehr wir deinen Rat aktuell für uns nutzen können?

Je zufriedener wir mit uns selbst sind, desto weniger benötigen wir externe Stimuli: Ein tolles Auto für den Selbstwert, einen angesehnen Job für den Status oder ständige neue Likes bei Instagram. Wenn wir aus uns heraus zufrieden sind, sind wir unabhängiger von dem, was um uns herum geschieht. Das macht in der aktuellen Situation freier und bietet weniger Platz für Sorgen, Ängste oder dem Gefühl der Ohnmacht. Wenn man mit sich mehr oder weniger im Reinen ist, können einen externe Stimuli ebenfalls weniger antriggern und man ist mehr in Frieden mit sich und den Mensch um uns herum.

Zudem haben wir dann mehr Kapazitäten, für andere da zu sein und diesen zu helfen und zu unterstützen – was insbesondere aktuell sehr wichtig ist.

Das können wir lernen

Was können wir aus der momentanen Situation als Gesellschaft für ein menschliches Miteinander und unsere Beziehungen lernen und welche Chancen bieten sich aktuell aus deiner Sicht? 

Wir als Individuen und als Menschheit insgesamt haben – neben den Risiken – unglaubliche viele Chancen in dieser Krise. Wir können wieder entdecken, was uns wirklich wichtig ist im Leben und was uns nachhaltig zufrieden macht: soziale Kontakte, die Natur, etwas Sinnstiftendes tun, sich um die Partnerschaft und Familien kümmern oder auch mal nichts zu tun. 

Wir haben die Chance, dass wir uns mit uns, unserer Lebensgeschichte und den Verletzungen auseinandersetzen, sie heilen und damit zufriedener, freier und glücklicher werden. Wir haben als Menschen auch die Möglichkeit, dass wir unser Wirtschaftssystem – in dem es aktuellen vor allem um die Maximierung der eigenen Interessen geht – zu überdenken und zu einem Wirtschaftssystem zu gelangen, was den Menschen dient und sie nicht ausnutzt. 

So wie wir Menschen meist erst durch Krisen aufwachen, uns weiterentwickeln und wachsen, so wird es im besten Fall auch mit unserer Gesellschaft passieren.

Lieber Wieland, vielen lieben Dank! Wenn jemand Lust hast mehr von dir zu erfahren, wo sollte er/sie nachschauen?

Am besten auf meiner Webseite: www.wielandstolzenburg.de
und über meinen Newsletter: www.wielandstolzenburg.de/newsletter
Gerne auch auf Facebook https://www.facebook.com/wieland.stolzenburg/
oder Instagram www.instagram.com/wielandstolzenburg/.

Über Wieland Stolzenburg

Wie wir die Zeit mit uns selbst nutzen - 5 LEISEfragen an Wieland Stolzenburg

Meine Leidenschaft ist es, Menschen auf dem Weg zu ihrem eigenen Potential zu begleiten. Ob mit meinen Büchern oder meiner Beratung. Denn die wichtigste Beziehung in unserem Leben ist die Beziehung zu uns selbst. Je besser uns diese gelingt, desto leichter werden alle anderen Beziehungen, ob zum Partner, Kollegen oder Freunden.

Mein Weg zu diesem Beruf führte über einige Stationen. Ich bin dankbar für all diese Erfahrungen: Nach der Schulzeit engagierte mich sozial, z.B. für Waisenkinder in Ghana oder für Schüler in Deutschland. Anschließend studierte ich Betriebswirtschaftslehre und arbeitete einige Jahre in diesem Bereich.

Nach einiger Zeit merkte ich, dass ich mehr mit Menschen machen wollte. So begann ich nebenberuflich eine therapeutische Ausbildung, welche mir große Freude bereitete. Irgendwann war klar: Das möchte ich hauptberuflich machen. So kam es, dass ich nochmals an die Uni ging, Psychologie studierte und anschließend meine Praxis für Beziehungsberatung und Paartherapie eröffnete. Mit der Zeit ist das Schreiben von Ratgebern zu einer weiteren Leidenschaft geworden.



Das Interview führte die Redaktion.

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