Achtsamkeit im Alltag | Johanna Katzera | LEISEmagazin

Momente erschaffen, um ganz bewusst im Hier und Jetzt zu sein und sich dann wiederum bewusst sein, dass man gerade achtsam ist.

Johanna Katzera

Liebe Johanna, wie schön, dass du an unserem Format 5 LEISEfragen teilnimmst. Du verhilfst Menschen in deinen Seminaren, Vorträgen und Büchern zu einer gesunderen Lebensführung. Dabei nimmt die digitale Balance zur Stressbewältigung, Achtsamkeit im Alltag und die Natur einen hohen Stellenwert ein. Warum ist es so wichtig, dass wir in Zeiten all der digitalen Möglichkeiten für Ausgleich sorgen?

In der modernen, schnelllebigen Zeit mit unbegrenzter Kommunikation und entgrenzter Arbeit sind wir alle viel im Außen unterwegs. Inmitten von Multitasking, irgendwo zwischen Job und Familie, geht man selbst mit den eigenen Bedürfnissen ganz schnell unter. Man spürt sich gar nicht richtig, verliert die Verbindung zu sich und zum gegenwärtigen Moment. Dabei ist genau das eine unserer großen Kraftquellen: Ganz bewusst mit allen Sinnen im Jetzt sein. In sich hineinzuspüren und erst dann zu handeln – also wieder von innen nach außen und somit selbstbestimmt zu leben – das reduziert Stress und macht zufrieden.

Der Augenblick

Ich selbst arbeite am Laptop und mit dem Handy. Regelmäßig erwische ich mich dabei, beim Spazieren im Wald Podcast zu hören oder am Strand ein Foto zu machen, mit dem Gefühl, anschließend den inneren Beweis zu haben, da gewesen zu sein.
Wie schafft man es, gegenwärtig und achtsam seine Umgebung wahrzunehmen und die Erlebnisse auf diese Art zu „speichern”?

Hmmm, ist nicht das echte Da-Sein Beweis genug und die beste Möglichkeit einen Moment innerlich zu speichern?

Wenn man es nicht gerade als inneren Beweis benötigt, spricht meiner Ansicht nach nichts dagegen, einen schönen Augenblick auf einem Foto einzufangen, um sich beim späteren Betrachten daran erinnern zu können. Auch beim Spazierengehen Podcast zu hören finde ich entspannend. Es geht vermutlich eher um die Balance – also die Welt auch mal ganz ohne Display und Medien zu erleben und zudem ein Bewusstsein für den eigenen Medienkonsum zu bekommen.

Der Start in den Tag

Viele Menschen fühlen sich mit der Geschwindigkeit und der Lautstärke unserer Gesellschaft überfordert. Da ist AchtsamkiDie Sehnsucht nach Rückzug und Einfachheit wird bei den jungen Menschen immer größer. Leider verschwindet das Gefühl der Verbundenheit nach einem Urlaub in der Natur wieder schnell. Wie bleibt man im Alltag trotz einer Stadtwohnung und einem stressigen Bürojob mit sich und der Natur verbunden?

Bei dem Gefühl der Verbundenheit geht es um eine innere Haltung und nicht um die äußere Umgebung. Achtsam sein kann jeder überall – man muss sich nur daran erinnern. 

Ganz wichtig finde ich es, den Tag in der richtigen Frequenz zu beginnen, sich also morgens schon mit sich selbst, der Natur oder den persönlich wichtigen Themen zu verbinden. In Bezug auf die Natur kann das auch eine Gedankenreise sein oder den Umweg durch den Park auf dem Weg zur Arbeit ganz bewusst zu wählen. Es sind die kleinen (regelmäßig und bewusst ausgeführten) Taten, die den großen Unterschied machen.

Die kleinen Dinge

Je bewusster die Menschen im Umgang mit der Natur und ihrem Selbst werden, umso leichter fällt die Erkenntnis, dass materielle Dinge uns nicht glücklich machen. Unsere Gesellschaft steht vor einem großen Umbruch. Was können Menschen tun, die bislang ihr Leben auf Status aufgebaut haben und plötzlich merken, dass nichts davon den Zustand von Glück hervorruft?

Erstmal dankbar für diese Erkenntnis sein, denn ein erfolgreicher Status bedient nur das Ego, sättigt aber nicht unseren wirklichen inneren Hunger – er befriedigt also nur ein Symptom der wahren Ursache. 

Also: Herausfinden, welche Bedürfniserfüllung hinter dem Wunsch nach Status steckt, dann Ballast abwerfen und das Leben neu ordnen. Sich also die Fragen stellen: Welche Anschaffungen, Unternehmungen, Konstrukte beschweren mein Leben? Für wen, was und warum mache ich diese Dinge überhaupt, und wie kann ich mich daraus lösen? Und schließlich in die Menschen, Tätigkeiten und Dinge investieren, die von innen heraus Zufriedenheit stiften. 

Das sind meist ganz einfache Dinge, die unsere Selbstwirksamkeit erkennen lassen: Gemeinsam ein neues Rezept ausprobieren und Zeit mit der Familie verbringen; den Wecker früher stellen, um vor der Arbeit eine Runde zu joggen; im Alltag ein Buch lesen. Was das ist, ist für jeden unterschiedlich. Meist hat es nichts mit Geld zu tun, sondern ist ein leises Gefühl, das im Innen entsteht.

Im Hier und Jetzt sein

Kannst du uns zwei wichtige Tools oder Routinen für mehr Achtsamkeit im Alltag mit an die Hand geben, damit wir direkt deine Ratschläge für uns nutzen und achtsamer durchs Leben gehen können?

Ich finde die Ordnung im Außen sehr wichtig, um innerliche Klarheit zu erlangen. Wenn wir uns auf materieller Ebene von Altem, Festgefahrenem lösen, entsteht Raum für Neues. Also ausmisten, aufräumen oder putzen. So anstrengend es auch sein mag, am Ende hat man immer ein gutes Gefühl – das bleibt.

Um mehr Achtsamkeit und Verbundenheit zu uns selbst im Alltag zu leben, sollte man sich zunächst immer wieder genau daran erinnern. Das heißt: Momente erschaffen, um ganz bewusst im Hier und Jetzt zu sein und sich dann wiederum bewusst sein, dass man gerade achtsam ist. Hilfreich ist es, diese “wachen“ Momente an regelmäßige Aktivitäten zu knüpfen – z.B. immer, wenn man eine Tür öffnet; immer, wenn man etwas isst; immer, wenn man jemandem zuhört. 

Auf diese Art verlagert sich das Verhältnis mit der Zeit weg vom Autopiloten hin zu mehr bewusstem Sein.

Liebe Johanna, vielen lieben Dank! Wenn jemand Lust hat mehr von dir zu erfahren, wo sollte er/sie nachschauen?

Webseite: www.einfachachtsam.de
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Über Johanna Katzera

Ich bin Managerin für angewandte Gesundheitswissenschaften, Physiotherapeutin, Autorin und Dozentin und lebe auf Sylt. In meinen Seminaren, Vorträgen und Büchern zur gesunden Lebensführung gebe ich Impulse zu den Themen Achtsamkeit, digitale Balance, Stressbewältigung, positive Psychologie und Fokussierung auf die eigenen Bedürfnisse, um das eigene Leben bewusst, positiv und selbstbestimmt zu gestalten.

Gesundheit bedeutet für mich Bewusstsein, Lebendigkeit und Genuss. So sind die Impulse nicht dogmatisch, sondern Angebote, die befähigen und motivieren und dem Teilnehmer einen individuellen Schlüssel für persönliche Veränderungen an die Hand geben.


Dieses Interview zum Thema “Achtsamkeit im Alltag” führte die Redaktion.


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